Einrichten von Lernorten und Möglichkeitsräumen

 

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Es geht um eigene Selbstentdeckung ohne den Zwang zur Selbstoptimierung, es geht um die Entfaltung der eigenen Potenziale in der Gemeinschaft – und zugleich um die praktische Veränderung der Rahmenbedingungen, die uns oft unnötig und bisweilen drastisch beengen und zugleich für die Erhaltung dessen, was uns gut tut. Und zwar dadurch, dass wir uns sehr bewusst mit den konstruierten und tatsächlichen Mängeln in dieser Welt, mit den eigenen Begrenzungen in uns und um uns auseinandersetzen, die Gestaltungsspielräume erkennen und nutzen, um dann Neues auszuprobieren und dies, wenn es passt, einzuüben und weiterzuentwickeln.

 

Ein Prototyp als praktischer Vorschlag

Im Jahr 2017 haben wir einen zweiwöchigen Prototyp entwickelt und ihn in Anlehnung an die alternative Projektentwicklungsmethode Dragon Dreaming „Wuppertaler Sommerkolleg der Drachenreiter“ genannt. Für die Planung des Kollegs haben wir – unterstützt durch die Mitarbeiter der Agentur für Freiheit – sehr genau austariert, wie viel Struktur und wie viel Freiheit wir den Teilnehmenden bei Programmbeginn bereitstellen wollten. Wie hoch und geräumig  sollen die „Leitplanken“ sein? Wir kamen dazu, dass oft auch lediglich „Rankhilfen“ sinnvoll sind.

Abgesehen von einem wunderbaren Abendvortrag von Prof. Uwe Schneidewind (Präsident des Wuppertal Instituts und Verfechter pluraler und transformativer Wirtschaftswissenschaften) mit einem anschließenden lebendigen und fruchtbaren Gedankenaustausch kam unser Prototyp mangels Interesse bei relativ kurzem Vorlauf leider (noch) nicht zustande.

 

Und hier kommt die Untermauerung des Vorschlags:

 

Transformation beginnt mit persönlicher Veränderung – und zugleich…

Pieter Spinder, der Gründer der Knowmads Business School in Amsterdam schrieb mal: „Transformation beginnt mit persönlicher Veränderung. Die Verbindung mit sich selbst ermöglicht erst die Verbindung mit anderen Menschen und der umgebenden Welt“. Und zugleich gilt für mich auch, dass die persönliche Veränderung durch den Wandel in der Außenwelt in Gang gesetzt wird. Etwa durch Impulse von anderen Menschen, deren Bekanntschaft in geeigneten Strukturen wie einem Lernort gemacht werden kann.

 

Innerer und äußerer Wandel – Persönlichkeitsentwicklung und Gesellschaftsreform

Ich setze dabei voraus, dass wir Menschen überhaupt einen Einfluss auf diese Veränderungen haben: Wie fördert ein Lernort nun inneren und äußeren Wandel und wie werden diese wirkungsvoller als bisher miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt?

An einem Lernort wird der innere Wandel beispielsweise dadurch unterstützt, dass hemmende, störende, belastende innere Glaubenssätze immer wieder in freiwillig gewählten, angemessenen Kontexten bzw. gezielt in geeigneten Formaten und mit passenden Methoden reflektiert werden, um dann gegebenenfalls ihr Lösen zu erreichen.

Zum äußeren Wandel versuchen die Mitwirkenden des Lernortes beizutragen, indem sie meist über Projekte und andere Formate beispielsweise an der Etablierung alternativer Wirtschafts- und Geldformen arbeiten. Die an Projekten Beteiligten können beispielsweise sowohl im Vorfeld ihrer Projekte als auch später immer wieder in angemessenen Situationen ihre eigenen Handlungsmotive – eben vor allem ihre Glaubenssätze – beleuchten und können somit Verknüpfungen zwischen inneren und äußeren Bedingungen herstellen und dann auch ggf. die Synchronisierung von Veränderungen in beiden Bereichen fördern. Umgekehrt setzen neue Wirtschaftsformen geeignete Anreize, damit es uns Menschen wiederum leichter fällt, gesunde, lebensdienliche Verhaltensweisen zu entwickeln, auszuprobieren und einzuüben.

 

Mögliche Inhalte des gemeinsamen Lernens

Mittlerweile habe ich zahlreiche Menschen getroffen, die offenen Herzens und Verstandes nach Veränderung sowohl im Innen als auch im Außen suchen. Sie interessieren sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten für bestimmte Themen. Mehr oder weniger direkt kondensiert sich ein bunter Fächer von Inhalten heraus, der als hilfreich und wichtig angesehen wird. Das Programm des Lernortes sollte dementsprechend vielfältig sein. Daher sind Workshops zu folgenden Themen denkbar:

  • Körperarbeit
  • Selbstreflexion, Persönlichkeitsbildung und Förderung einer Bewusster-Werdung der Mitwirkenden
  • Selbstmanagement und Selbstführung
  • Methoden der Gemeinschaftsbildung
  • Sozialpsychologie der Veränderung und der Erhaltung: Wie ticken wir Menschen – allein und in Gemeinschaft?
  • Grundlagen der Ökologie
  • alternative Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepte einschließlich Konzepten zum schonenden Umgang mit den Naturgütern (beispielsweise Commoning, Permakultur u.a.)
  • Entwicklung tragfähiger, unternehmerischer Gelingensmodelle für ein ganzheitliches Wirtschaften
  • kraftvoll-positive Vermittlung eigener guter Ideen durch auf Authentizität basierenden Präsentationstechniken
  • verschiedene Ausdrucksformen: darstellende und bildende Kunst, Musik, Literatur
  • praktische Arbeit für eine Subsistenzwirtschaft (solidarisches Nutzenteilen, Reparieren, Urbanes Gärtnern, Open-Source-Wirtschaften u.a.)

 

Verschiedene Formate und Integration in den Alltag

Vieles geschieht außer in Projekten auch in Workshops, öffentlichen Aktionen, bloßen Zusammenkünften und Feiern, durch Exkursionen zu guten Beispielen, durch Gespräche mit positiven Vorbildern und Vorreitern. Das begleitende Team versteht sich als Gastgeber des Lernens, und sie und das Netzwerk und alle Lernenden schaffen für sich einen Rahmen, in denen innovative Verhaltens-, Arbeits-, Wirtschafts- und Lernformen entwickelt, ausprobiert, eingeübt und weitervermittelt werden können.

 

Polaritäten reiben und stoßen – und verbinden sich

Die Arbeit und das Zusammenwirken am Lernort zielt auch darauf ab, dass eine Kultur des Ausgleichs hervorgebracht wird. Polaritäten, manchmal auch als gegensätzliche Kräfte wahrgenommene Energien, werden in ihrem Aneinanderreiben, in ihrer Verbindung und Verschmelzung in ihrer Beziehung aufeinander situationsbezogen ausgeglichen:

  • Aktion und Kontemplation, Intentionalität und Absichtslosigkeit
  • Struktur und Freiheit
  • Verbundenheit mit der Welt und Autonomie als Entfaltung des Eigensinns
  • Sicherheit und Abenteuer
  • Offenheit und Begrenzung
  • Prozess- und Ergebnisorientierung
  • Ausrichtung auf kurzfristige Maßnahmen und langfristige strategische Ansätze
  • Wertschätzung des Eigenen und des Fremden
  • Veränderung und Erhaltung, Dynamik und Stabilität
  • Wettbewerb und Kooperation
  • Männliches und Weibliches
  • Herz und Verstand

 

Räume vereinbaren mit unterschiedlichen Qualitäten

In dem am Lernort geschaffenen Rahmen entstehen verschiedene Räume, die wie Zellen in einem Organismus miteinander verbunden und zeitlich gestaffelt sein können. Wie bei biologischen Zellen sollten die Trennwände selektiv durchlässig für Materie, Emotionen und/oder Informationen gehalten werden. Diese verschiedenen Räume zeichnen sich also durch unterschiedliche „Denk- und Fühl-Haltungen“ aus. Es sind unterschiedliche Haltungen und Schwerpunkte der vorher genannten Energien; einige sind intentionaler und geschäftsmäßiger und stärker nach außen gerichtet als andere und tragen zur materiellen Erhaltung des Lernortes bei. Das bedeutet natürlich auch, dass wir selbst gefühlsmäßig und gedanklich immer wieder zu Spagaten herausgefordert werden, wenn wir uns in dem Gewebe dieser Zellen mit ihren unterschiedlichen Haltungen bewegen. Wir stimmen uns darüber ab, in welche Haltung wir gehen wollen. Oder wir machen uns zumindest bewusst und dann auch gegenseitig transparent, in welcher Haltung wir uns gerade befinden.

 

Schuldfreie Räume

In jedem Fall schaffen alle Beteiligten eine Atmosphäre der Wertschätzung, der Anerkennung und Sicherheit, des gegenseitigen und des Selbst-Vertrauens, der Stärkung der Eigenverantwortung, der Selbstentdeckung ohne Selbstoptimierungszwang sowie der inneren Befreiung und ermöglichen damit jedem und jeder die eigene Fülle zu erschließen und die eigenen Potenziale zur Entfaltung zu bringen. – Damit wird auch ein Raum der Schuld-, Schulden- und Angstfreiheit geschaffen. Dadurch wird dem in uns latent vorhandenen Kompensationsdrang der Nährboden entzogen. Es scheint immer weniger Konsum für die eigene unnötige „Selbstaufblähung“ notwendig.

Die dort Agierenden haben die Möglichkeit, sich in den Unübersichtlichkeiten des Zeitgeschehens selbst Orientierung zu organisieren, dadurch dass sie sich Expertise beschaffen, diese reflektieren, sich untereinander austauschen, sich gegenseitig unterstützen und alternative Verhaltensweisen ausprobieren.

 

Keine Dogmen

Unter Offenlegung der zu Grunde liegenden jeweiligen Voraussetzungen und möglichst ohne Dogmen werden Zusammenhänge aufgedeckt. Dies gilt insbesondere für die Themen Wirtschaft und Geld. Selbstironisch lässt sich das auch als Paradoxon ausdrücken: Unser Dogma besteht darin, das wir keins haben!  😉

Am Lernort wirken Menschen, die verschiedenen Strömungen und Denkweisen angehören. Ihnen gemeinsam ist aber, dass sie ein wohlwollendes Veränderungsbewusstsein haben und versuchen, einen grundlegenden Wandel herbeizuführen betreffend den Umgang von Menschen untereinander und den menschlichen Umgang mit den Naturgütern. Sie verständigen sich auf ihre gemeinsamen Ziele und verfolgen diese unabhängig von ihren weiterhin noch divergierenden Anliegen. Sie bilden vielleicht eine Art strategischer Allianz, einige sehen es auch als einen Stamm („tribe“) oder ein Netzwerk an.

 

Lernorte in meiner Vorstellung sind Mischwesen

Die verschiedenen gedachten Räume können – nach dem, was dort meistenteils geschieht – auch noch einmal anders bezeichnet werden. Einige wichtige Facetten und Aspekte sind:

  • alternative Volkshochschule oder alternative Kleinst-Universität
  • Künstleratelier
  • Denkfabrik
  • Projektwerkstatt
  • Keimzelle und Inkubator für Existenzgründungen
  • eine Beratungseinrichtung für den praktischen Umgang mit materiellen Sicherheiten wie Geld und Sachwerten

Es gibt aber eben auch einen spirituellen Aspekt des Lernortes, mit dem das intentionsfreie So-Sein gepflegt wird. Vielleicht gelingt es sogar, dass eine tiefere Verbindung mit allem, was existiert, und auch das Noch-immer-Unverfügbare dieser Welt deutlich wahrgenommen wird. Dadurch wird dieser Bereich auch zur Kraftquelle, steht aber auch absichtslos für sich. Rituale werden bewusst geschaffen, eingesetzt und verändert, unbewusste Routinen werden immer wieder einmal hinterfragt. Der Lernort ist also eine Art „Mischwesen“. Es ist ein Ort des „Sowohl-als-auch“.

Diese Räume oder Facetten des so gedachten Lernortes sind mehr oder minder miteinander verbunden und können auch aufeinander aufbauen. Einige sind mehr nachfrage- und andere mehr angebotsorientiert. Einige dieser oben genannten Bereiche stellen sich wie der gesamte Lernort als Marken (d. h. durchaus auch als Leistungsversprechen) nach außen in entsprechenden Kontexten dar. Es soll also mehrere Marken geben, die für verschiedene Zielgruppen interessant sind. Zugleich wird eine hohe Transparenz aller Interessen und Aktivitäten angestrebt.

 

Der Lernort als moderne Allmende und Soziale Plastik?

Die am Lernort Wirkenden nähren und erhalten den Ort; und der Ort nährt umgekehrt die dort Wirkenden. Das geschieht auf mehreren Ebenen, auch materiell. Die Finanzierung aus vielen verschiedenen Quellen – soweit in dem vorhandenen System nötig – ist durch einen Mix unterschiedlicher Formen zu sichern. Auch alternative Transaktionsformen (mit und ohne herkömmliches Geld) tragen zur Sicherung der Gestaltungsmöglichkeiten bei. Dies ermöglicht Bewusstwerdung, Weiterentwicklung, Heilung und Wachstum aller Beteiligten.

 

(Dieser Text ist eine Aktualisierung eines Ausschnittes aus einem Artikel, der in der Zeitschrift Humane Wirtschaft veröffentlicht wurde.)

 

Zu meinen anderen Anliegen: